Marokko Teil 15

Weihnachten und Silvester in Dakhla (Westsahara)

Nachdem wir ein paar Tage lang die freundliche Reisebegleitung von David und Jo genossen haben, geht es nun alleine (bzw. zu zweit) weiter Richtung Dakhla. Die Strecke Tarfaya – Dakhla misst 621 Kilometer und wird eine kleine Herausforderung. Wir fahren durch das absolute ‚Nichts‘: Keine Läden, keine Häuser; vor uns nur die Straße, links und rechts ausschließlich flacher Sand. Die Straßenverhältnisse lassen oft auch zu wünschen übrig; es geht zum Teil entlang sandiger Pisten oder Schotterstraßen.

Ab Tan Tan Plage gibt es Richtung Süden übrigens auch keinerlei Campingplätze mehr, erst in Mauretanien wieder. Die Fahrt ist mitunter etwas langweilig: Man sieht immer nur dasselbe, nämlich Sand, Sand, Sand. Sämtliche ‚lustige Autospiele‘, die uns eingefallen sind, haben wir schon mehrmals durchgespielt. Aus dieser Langeweile werden wir dann auf unschöne Weise heraus gerissen: Als wir irgendwo im Nirgendwo eine kleine Pause einlegen wollen und die Hauptstraße für nur ein paar Meter verlassen, um an die Küste zu fahren, bleiben wir – na? Richtig geraten: Wir bleiben wieder einmal im Sand stecken. Diesmal sind wir aber gut ausgestattet mit unserem neuen Abschleppseil etc. Wir müssen nicht allzu lange warten, bis ein Lastwagenfahrer stehen bleibt und uns aus dem Sand heraus zieht. Hilfsbereit sind die Marokkaner wirklich, das muss man ihnen lassen. Als Dankeschön bekommt er ein Päckchen Tee von uns, welchen wir extra für solche Situationen gekauft hatten.

Später geraten wir dann wieder einmal in einen Sandsturm. Der Wind ist so stark, dass die Morla droht, seitlich abzuheben. Da uns die Wetterverhältnisse in der Form zu gefährlich sind, halten wir Aussschau nach einer ‚Erhebung’, die wir als Windschutz benutzen können, was sich hier in der absolut flachen Landschaft als äußerst schwierig darstellt. Ein kleiner Hügel aus Schutt, der Teil einer Baustelle ist, scheint unsere einzige Chance zu sein. Und so stehen wir an Heiligabend an einem der unromantischsten Orte, die es nur geben kann zwischen Baggern, Baumaschinen und Hügeln aus Baurestmassen, eingeweht vom Sand. Dafür wird es im Bus dann umso romantischer: Es gibt Bescherung bei Weihnachtstee, Schokolade und Weihnachtsfilmen – ein kleines Stück Heimat auf Reisen muss schon sein.

Nach insgesamt zwei Tagen und unendlich viel Sand kommen wir am ersten Weihnachtsfeiertag in Dakhla an. Gehört hatten wir von Dakhla nur wegen der vielen Kitesurfspots an der hiesigen Flachwasserlagune; und genau das war auch der Grund dafür, hier her zu kommen: Wir wollten unsere Kitesurf-Fähigkeiten weiter ausbauen. Doch es kommt wieder einmal anders als gedacht: Gleich am zweiten Tag unseres Aufenthaltes in Dakhla reißt Mägdi sich den kompletten Fußnagel (von der Wurzel an) ab, und das einfach so. Beim Gehen. Bei hellem Tageslicht. Völlig nüchtern und fit. Während eines simplen Spaziergangs zum Strand. Ein sehr spitzer Stein ist der ‚Bösewicht‘ und ‚Täter‘. Es tut höllisch weh und der Fuß muss mehrere Tage ruhig gestellt und geschont werden. Es scheint wie verhext zu sein: Immer wenn wir die Möglichkeit zum Kiten haben verletzt sich einer von uns beiden. In Sardinien war es ja Toni gewesen, der seinen Knöchel angebrochen hatte, kurz bevor wir im ‚Kiteparadies’ angekommen waren. Und nun ist Mägdi an der Reihe.

Etwas unwillig stellen wir uns also für die nächsten Tage auf ‚Chillen’ ein. Dies kann man hier aber tatsächlich ganz gut: Wir entdecken einen Küstenabschnitt, den wir wieder einmal fast für uns ganz alleine haben. Am zweiten Tag werden wir abends jedoch vom Militär davon gejagt: Es sei hier nicht sicher, wir sollen auf einen Stellplatz in der Nähe eines Sushi Restaurants gehen. Dort ist es leider nicht mehr so schön einsam; dafür können wir im Restaurant unsere Laptops aufladen und die vielen Surfer beobachten, welche fleißig die Wellen reiten. Aus der Ferne können wir ein paar Unimogs mit österreichischen Kennzeichen erspähen. Ob wir die Besitzer ansprechen sollen? Auf dem Weg nach Mauretanien einen Konvoi zu bilden wäre ja keine schlechte Idee. Gesagt, getan: Wir machen Bekanntschaft mit einer gemeinsam reisenden Gruppe aus Linz – samt ihrer Hunde. Eine sehr nette und lustige Runde. Wir entdecken nebenan auch einen Van mit chinesischem Kennzeichen. Ob jemand von China bis hier her gekommen ist? Wie wir erfahren, wollen die Österreicher auch nach Senegal weiterfahren; das passt ja prima. Kurz vor Silvester werden wir von Mitarbeitern des Militärs schon wieder vertrieben: Hier sei es nun auch nicht mehr sicher, wir sollen zu noch einem anderen Stellplatz. Wie wir das finden sollen, wissen wir nicht so recht, aber wir sind ja anpassungsfähig. Der neue und anscheinend ‚sichere’ Stellplatz stellt sich als ein Campingplatz ‚in spe‘ heraus: Es gibt zwar Toiletten, doch leider keine Spülung; Duschen sind ebenfalls vorhanden, nur leider ohne Wasserzulauf. Der Platz ist unsäumt von einer Betonmauer, die an einem Ende während der Feiertage (Silvester und Neujahr) von Mitarbeitern des Militärs bewacht wird. Man kann es aber auch etwas übertreiben mit den Sicherheitsvorkehrungen. Da stehen wir nun, etwas eingepfercht mit den letzten Touristen, die es hierher verschlagen hat. Zum Glück stehen wir neben den netten Österreichern, mit denen wir dann auch gleich Silvester zusammen verbringen: Es gibt ein äußerst delikates Dinner und im Anschluss Party am Lagerfeuer. Wir verbringen einen sehr angenehmen, feucht-fröhlichen Abend. Wir lernen auch die Besitzer des Vans mit dem chinesischen Kennzeichen kennen. Wir wir erfahren, sind die beiden, Wang und Lee, tatsächlich von China bis Marokko mit dem Van gereist und haben dabei 18 Länder durchquert. Die Kommunikation läuft über unsere ‚iTranslate‘-App, welche auf dem Kanal Deutsch-Chinesisch, Chinesisch-Deutsch auf einmal reibungslos funktioniert. Wang und Lee sind sehr lustig und haben für uns selbst gefangene Muscheln aus dem hiesigen Meer gekocht. Schmeckt super. Endlich hat Mägdi auch die Möglichkeit, zu erfahren, ob ihr chinesisches Schrift-Tatoo die Bedeutung hat, welche sie haben soll. Ja, hat sie; Glück gehabt. Kurz nach dem Jahreswechsel gibt es auch noch ein ‚Musik-Battle’: Unsere Nachbarn von gegenüber aus München drehen Lieder wie ‚Schön ist es auf der Welt zu sein’ von Roy Black oder ‚Fiesta Mexicana’ von Rex Gildo auf; wir hingegen derbe Elektro-Beats mit lauten Bässen. Da das ‚Battle’ nach mehrfachen Anläufen unentschieden bleibt, kommen die Schlagerfan-Nachbarn aus München irgendwann mit ihrem Didgeridoo zu uns herüber – so kommen wir doch noch auf einen gemeinsamen Nenner. Nach diesem ‚rauschenden Fest‘ müssen wir uns erst einmal einige Tage erholen. Es ist endlich wieder schön warm, so dass man baden kann. Mit Mägdis Fuß geht es auch immer weiter bergauf.

Ab dem 2. Januar 2019 ist es auf unserem neuen Stellplatz übrigens scheinbar wieder ‚sicher‘ (‚Zwinkersmiley-Emoticon’), denn die Militär-Mitarbeiter haben sich vom Acker gemacht. Wir müssen uns langsam auch vorbereiten für die Weiterfahrt nach Mauretanien: Wasser muss aufgefüllt werden, Einkäufe müssen getätigt werden und Diesel getankt werden – also fahren wir ins Zentrum von Dakhla. Als ‚Augenstern‘ kann man die Stadt wirklich nicht bezeichnen. Eine Baustelle folgt der nächsten; ansonsten fahren wir an schmucklosen Gebäuden, einem großen Militärkasernengelände und schlichten, weiß leuchtenden Mittelschichtswohngebieten vorbei. Was könnte man sonst noch über Dakhla sagen? Es ist die südlichste Stadt in der von Marokko beanspruchten Westsahara und die Hauptstadt der Verwaltungsregion Dakhla-Qued Ed Dahab. Nach der Besetzung der Region durch Marokko 1975/76 wurde die Stadt im Jahr 1979 unter marokkanische Verwaltung gestellt. Die Wirtschaft beruht auf Fischfang und Militär. Wenn man nicht unbedingt vor hat zu Surfen oder zu Kiten dann muss man aus unserer Sicht nicht unbedingt nach Dakhla … Aber wir hatten dennoch eine gute Zeit hier.

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