Marokko Teil 12

Auf der ‚Todesstraße‘ Richtung Dades Schlucht

Nach unserer abenteuerlichen Kletter-Tour wollen wir uns die Dades Schlucht ganz in der Nähe ansehen. Beim Austüfteln der Route entdecken wir auf der kürzlich gekauften ‚Marokko‘ Karte eine etwa 40 km lange Piste, die als ‚besonders schöne Straße‘ ausgewiesen ist und außerdem eine Abkürzung von über 70 Kilometer gegenüber der Strecke über Agoudal darstellt. Kurz bevor wir dort einbiegen fragen wir zur Sicherheit noch ein paar dort ansässige Bauern, ob die Straße gut befahrbar sei und erhalten die Antwort, dass es lediglich eine ‚etwas schwierige Kurve’ gäbe, aber ansonsten ‚alles paletti‘ sei. Im Vertrauen auf die Landkarte und auf die Aussage der Einheimischen machen wir uns also auf den Weg. Im ersten Abschnitt werden wir erst einmal ordentlich durchgeschüttelt. Die Piste ist uneben und verengt sich von vier Spuren auf eine einzige, bis sie schließlich in ein Flussbett mit Kieselsteinuntergrund mündet.

Das gesamte Inventar der Morla wird einmal komplett durchgemixt, von links nach rechts und von oben nach unten. Wir lauern schon darauf, wann die ‚etwas schwierige’ Kurve wohl kommen wird? Aus der Ferne sehen wir eine ziemlich schiefe und enge Straße, die in eine Haarnadelkehre mündet. Problematisch ist jedoch nicht nur der Winkel der Kurve (ca. 170 Grad), sondern auch die Tatsache, dass die Staße in steilem Winkel in die Kehre einmündet, um dann noch steiler wieder hinaus zu führen, und das Ganze auch noch bei seitlicher Schieflage des Fahrzeugs. Um besagte Unebenheit etwas auszugleichen, legen wir den äußeren Rand der Staße mit Steinen aus. Es sollte also jetzt machbar sein, denken wir. Wir können nicht mehr genau sagen, was genau, wie und wann passiert ist, es ging alles so schnell: Toni fährt vorsichtig über die Rampe, gibt Gas, die Morla schaukelt mit einer derartigen Wucht hin und her, als würde sie gleich umkippen; ein lauter Schrei, ein lauter Knall und fest steht die Morli auf der anderen Seite der Kurve. Besorgt inspizieren wir das Fahrzeug von außen und entdecken zuerst die neue Beule in der Stoßstange. Doch dann können wir unseren Augen nicht trauen: Der linke Vorderreifen ist geplatzt! Zumindest denken wir, dass er geplatzt ist, denn er ist platt. Dazu fällt uns nur noch das ‚böse F-Wort‘ ein. Da stehen wir nun, mitten auf der Straße, mit plattem Reifen und schauen blöd aus der Wäsche. Wir sind nicht mal im Besitz eines funktionierenden Wagenhebers, denn bei dem von uns mitgebrachten ist das Hydrauliköl ausgelaufen. Was nun? Wir befinden uns ja im Atlas Gebirge auf knapp 2500 Metern Höhe und bis zum nächsten Dorf sind es etwa 20 Kilometer. Die Gedanken an die fast leere Gasflasche sowie die eisigen Temperaturen bei Nacht lassen leichte Panik in uns aufsteigen. Um dieser etwas entgegen zu setzen, fährt Toni mit dem Fahrrad los, um irgendwo in dieser Abgeschiedenheit am Ende der Welt ein menschliches Wesen aufzuspüren. Erstaunlicher Weise erscheint nach etwa 20 Minuten tatsächlich ein solches in der Gestalt von ‚Hassan’. Und zwar nicht als Fata Morgana sondern in der Person eines 45-jährigen Dorfbewohners von nebenan, der von Beruf Fossiliensammler bzw. -verkäufer ist und außerdem 12 Geschwister hat, wie wir später erfahren. Er bietet an, bis zum Abend einen intakten Wagenheber für uns zu organisieren – gegen einen kleinen Obulus, versteht sich. Als Hassan abends in Begleitung eines Kumpels bei uns eintrifft, geht die Schufterei los: Drei Männer versuchen verzweifelt mit dem Radkreuz die Schrauben des platten Reifens zu lockern; doch die Schrauben klemmen; es bewegt sich nichts. Es wird mit voller Kraft gezogen und gedrückt – und zwar so energisch, dass das Radkreuz schließlich bricht! Wir können es nicht fassen! Da es schon dunkel ist und ein Ersatz im 20 km entfernten Dorf geholt werden muss, verabreden wir uns mit mit Hassan und Konsorten für den nächsten Tag.

Das heißt nun also doch: Hier übernachten, mitten auf der Straße, bei nächtlichen Minusgaden und auf einem schiefen Untergrund. Naja, was soll‘s, oder wir man hier sagt: ‚Inshallah‘. Nachts geht uns dann tatsächlich auch noch das Gas aus! Es wird mit einem Schlag schweinekalt im Bus, so dass auch drei Decken und festes Kuscheln nicht so viel ausrichten können.

Nach einer durchfrorenen Nacht freuen wir uns über die ersten Sonnenstrahlen, die wir sogleich aufsaugen und bei einem schönen Spaziergang die umliegende Landschaft bergabwärts erkunden. Von der Natur her ist es hier wunderschön … doch wir haben ja andere Sorgen. Als Hassen gegen Mittag bei uns eintrifft, scheitern leider auch weitere Versuche, den Reifen abzuschrauben, was vor allem an der miserablen Qualität des mitgebrachten Schraubenschlüssels liegt. Frust macht sich breit. Nun diskutieren wir, was zu tun sei. Hassan bietet uns an, einen ‚Bekannten’ aus dem Nachbardorf, der im Besitz eines Lastwagens ist, anzurufen. Dieser könne den platten Reifen wechseln sowie vor Ort reparieren und uns ggf. auch anschleppen. Er würde jedoch nur kommen, wenn wir mal eben 180 Euro hinblättern würden. Super. Wir sind wieder in der Touristen-Abzock-Hölle gelandet. Nach langem Abwägen und Überlegen bekommen wir die Idee, Hassan unser altes Ersatz-Smartphone (statt der 180 Euro) anzubieten, welches etwa noch einen Wert von 120 Euro haben dürfte. Irgendwie müssen wir ja aus diesem Schlamassel heraus kommen und noch eine durchfrorene Nacht wollen wir uns nicht mehr zumuten. Hassan willigt glücklicherweise ein. Nun heißt es: ‚Warten auf Godot.‘ Wir wissen nicht, wann der Bekannte kommen wird, ob er heute noch kommen wird oder ob er überhaupt noch kommen wird. In der Zwischenzeit versuchen wir das Beste aus der misslichen Lage zu machen und erkunden die Gegend bergaufwärts. Hassan ist ja ‚professioneller’ Fossiliensammler und zeigt uns, wo auch wir Fossilien finden können. Und ja, wir können unsere Fossiliensammlung heute tatsächlich um ein paar Exemplare (Ammoniten-Fossilien in Schiefergestein) erweitern. Wir entdecken auch mit Schnee bedeckte Flächen – zum ersten Mal in Marokko. Leider reicht die Schneemenge für eine Schneeballschlacht nicht aus. Am späten Abend, kurz vor Sonnenuntergang kommen dann zwei Männer in einem uralten Lkw, bewaffnet mit unzähligen Schraubschlüsseln verschiedenster Größen, diversen Reifenwerkzeugen sowie Utensilien, um Feuer zu machen und Tee zu kochen. Mit vereinten Kräften ist das Rad in Nullkommanichts ausgewechselt. Repariert wird der platte Reifen jedoch nicht. Wir werden auf morgen vertröstet, es sei ja schon zu dunkel, was wir auch einsehen. Wir wärmen uns noch etwas auf bei einem Glas Pfefferminztee und machen uns fertig für die Weiterfahrt.

Das heißt aber keineswegs, dass die Misere schon vorbei ist. Denn nun steht uns noch die ‚Fahrt des Grauens’ bevor: Nachdem wir die Passstraße auf 2800 Metern Höhe im letzten Sonnenlicht gerade so erreicht haben, geht es im Anschluss schon wieder durch ein Flussbett, welches wir dann die nächsten 18 Kilometer auch nicht mehr verlassen werden. Und das bei absoluter Dunkelheit! Es holpert und poltert nur so in der Morla, es schüttelt und rüttelt, es kracht und knallt … Meter um Meter bangen wir, wie lange die Morla diese Schüttelpartie noch durchhalten wird.

Übrigens ist während der gesamten Zeit hier auf der ‚Todesstraße’ (zwei Tage und eine Nacht) kein einziges weiteres Fahrzeug vorbei gekommen. Weder von vorne, noch von hinten. Wir sind und bleiben also die einzigen ‚Dummen’, die auf eine solche Idee gekommen sind. Heilfroh sind wir dann, als wir endlich die ersten Lichter im nächsten Dorf sehen. Hurra, Land in Sicht. Doch der Schrecken ist immer noch nicht vorbei! Hassan erdreistet sich gegen Ende tatsächlich noch, uns erneut abzocken zu wollen. Das übergebene Mobiltelefon und die 40 Euro, die wir ihm für den Rettungsversuch am ersten Tag gegeben hätten, seien nicht genug. Nun doch nicht mehr? Was ist mit unserer getroffenen Vereinbarung? Er hätte ja schließlich so viel Zeit investiert und so viel für uns getan. Auf unseren Einwand, dass entgegen unserer Vereinbarung der Reifen noch nicht repariert worden sei, meint Hassan, dass dies morgen für nochmals weitere 30 Euro erledigt werden könne. Nö, also jetzt reicht es uns. Wir sind stinksauer. So sauer, dass wir, anstatt noch mehr zu bezahlen, die Autotür laut zuknallen, mit quietschenden Reifen abfahren und Hassan etwas verdattert am Straßenrand stehen lassen. Wir peilen das nächstgelegene Dorf an, das zum Glück weit genug von Hassan entfernt ist. Nicht dass er noch auf die Idee kommt, uns zu verfolgen. Dort angekommen öffnet ein sehr hilfsbereiter Marokkaner extra für uns nochmals seinen Laden, um uns Gas und Verpflegung zu verkaufen. Dies stimmt uns wieder etwas versöhnlich, vor allem da der Ladenbesitzer uns auch noch zeigt, wo wir übernachten können: Auf einem abgelegenen Fussballplatz, der seinen Zweck als Stellplatz für eine Nacht auf jeden Fall erfüllt. Schön, dass wir es wieder warm haben und auf geradem Untergrund schlafen können. ‚Was für ein verrückter Tag – bzw. was für verrückte Tage!‘ denken wir noch, während uns die Augen vor Erschöpfung langsam zufallen … Gute Nacht!