Gambia Teil 6

Kartong – Traumstrand vs. Pechsträhne

Nach der Besichtigung von Georgetown fahren wir weiter Richtung Kartong, dem südlichsten Punkt der sog. ‚Smiling Coast’, der touristisch gut erschlossenen Küstenstrecke südlich vom Cape Point. Wir fahren entlang der South Bank Road, der wichtigsten Fernstraße des Landes, welche die Kombo-St. Mary Area in der Küstenregion mit allen Landesteilen bis zu der größten Stadt Basse Santa Su im Osten verbindet. Die Fahrt ist sehr anstrengend; zum einen ist es extrem heiß (um die 40 Grad Celsius), zum anderen werden wir ca. 20 Mal entweder von der Polizei oder vom Militär angehalten, da wir unsere Dokumente vorzeigen sollen (Carnet de Passages, Autoversicherung, Führerschein etc. etc.). Völlig ausgelaugt und leergeschwitzt kommen wir abends am Strand in Kartong an – doch die Mühe hat sich wirklich gelohnt.

Wir haben einen tollen Stellplatz direkt am Strand unter Palmen und können nach langer Zeit endlich wieder ein paar Tage frei stehen – ein gewisses ‚Robinson Crusoe Gefühl’ macht sich breit. Der Strand ist super-schön, weitläufig und relativ einsam. Ein paar Strandbars sind hier und da zu sehen, doch so gut wie keine Touristen oder Urlauber. Wir machen es uns gemütlich und verlegen unser Eßzimmer direkt an den Strand – was für ein Luxus, an so einem Ort dinieren zu können. In den nächsten Tagen ist bei uns ‚Hardcore-Chillen’ angesagt. Entweder liegen wir faul an der ‚Santosha Beach Bar’ bei ‚Lamin‘ herum … oder wir sitzen faul vor der Morla herum. Der Bierkonsum steigt auch wieder leicht an, zumal wir an der Beach Bar täglich ein kühles ‚Jul Brew‘ angeboten bekommen. Wir tollen mit den Strandhunden ‚Tapsy’ und ‚Schnuffi’ herum, baden und lassen uns in der Sonne braten. Eines Abends bekommen wir die Idee, unsere Boccia Kugeln endlich wieder einmal heraus zu holen. Benj und Toni liefern sich dabei einen erbitterten Kampf, der gar kein Ende nehmen will – was soll man sagen, Brüder unter sich … Ab und zu frühstücken wir bei ‚George’ English Breakfast oder lassen uns von Lamin bekochen und essen in der Strandbar … auf jeden Fall lassen wir es uns gut gehen.

Eines Tages besichtigen wir auch die ‚Reptile Farm’ in Kartong. Wie uns die freundliche Mitarbeiterin berichtet, wurde diese geschaffen, um den Einheimischen und Touristen die Angst vor den einheimischen Schlangen und Reptilien zu nehmen. So ganz haut das bei uns aber nicht hin – sämtliche Schlangen sind ‚ein bisschen giftig, aber nicht ganz lebensbedrohlich’ … Was soll das nun wieder heißen? Leider verstehen wir die Mitarbeiterin aufgrund ihres schlechten Englisch kaum. Die dort in Käfigen herumkriechenden Schlangen und Reptilien sind aber wirklich sehr beeindruckend: Wir sehen z.B. die afrikanische Hausschlange und die Felsenpython, welche nicht giftig sein sollen. Wir bekommen auch die afrikanische Speikobra und die Senegal-Kobra gezeigt, die giftig sein sollen. Außerdem gibt es noch Warane und süße Schildkröten zu beobachten. Auch wenn wir wenig verstanden haben, hat sich der Besuch auf jeden Fall gelohnt. Weniger Angst vor Schlangen haben wir jetzt aber nicht, immerhin ist uns deren Existenz hier erst einmal richtig bewusst geworden. Nachdem unsere Pechsträhne für ein paar Tage Ruhe gegeben hatte, schlägt sie dann knallhart wieder zu – und zwar im doppelten Sinne des Wortes: Eines abends sitzen wir am Strand herum und unterhalten uns nett. Wir nehmen zwar schon wahr, dass die Wellen uns aufgrund des Tidenhubs immer weiter und höher entgegen schwappen. Doch als eine Welle etwas aus der Reihe tanzt und höher schlägt als erwartet, fangen Benj und Mägdi aus Angst vor nassen Schuhen genau zum gleichen Zeitpunkt an, genau in die gleiche Richtung zu rennen – was mit einem lauten Knall endet. Benj ist Mägdi mit seinem Kopf voll gegen die Nase gedonnert! Die Nase schmerzt so sehr, dass wir befürchten, sie könnte gebrochen sein. Doch das werden wir hier am untersten Ende von Gambia nie herausfinden können. Es gibt zwar vereinzelt Ärzte, doch welcher davon ist im Besitz eines Röntgengerätes und ist gewillt, dieses einzusetzen? Auf jeden Fall: Die Blutergüsse in der Nase sehen gruselig aus, wie nach einem Boxkampf. Und die Nase schmerzt extrem und strahlt auch in den Kopf aus, so dass Mägdi am liebsten nur im Bett liegen möchte. Die Stimmung ist jetzt ganz unten, auf jeden Fall bei Mägdi. In Deutschland würde man vermutlich in die Rettungsstelle fahren, die Nase röntgen lassen und würde dann hoffentlich erfahren, dass sie nur geprellt sei. Man hätte auf jeden Fall das Gefühl, aktiv etwas tun zu können. Aber hier? Das Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht ist schier unerträglich und deprimierend.

Wir verbringen die letzten Urlaubstage von Benj und Gregor auch weiterhin in Kartong am Strand; Mägdi versucht mehr oder weniger ‚gute Mine zum bösen Spiel’ zu machen, was gar nicht so leicht ist. Am letzten Tag vor Benjs Abflug möchte dieser noch einmal komfortabel schlafen und Mägdi möchte wegen ihrer Schmerzen im Dunkeln liegen; also fahren wir nach Sanyang, einem weiteren Ort an der ‚Smiling Coast’, etwa 20 Kilometer nördlich von Kartong. Wir mieten uns dort für ein paar Tage ein Bungalow in der von einer Engländerin betriebenen ‚Beeth Mouth Gambia‘ Anlage. Der Strand in Sanyang ist wieder einmal traumhaft. Endlos langer, flach abfallender, weißer Sandstrand, geschützt durch eine Landzunge und dadurch sehr ruhig, türkis-blaues Meer. Doch so richtig können sich im Moment alle nicht 100% freuen. Besonders Mägdi nicht, denn die liegt hauptsächlich im Bett. Ob die Nase gebrochen ist oder nicht, werden wir wohl nie erfahren – doch nachdem die Schwellungen zurückgegangen sind, wirkt die Nase zumindest nicht schiefer als vorher – was bei uns die Hoffnung weckt, dass sie einfach nur stark geprellt war. Gregor fliegt am 22.02.19 zurück nach Berlin und Benj fliegt einen Tag später zurück in die Schweiz. Byebye, ihr zwei, war schön mit euch! Als es Mägdi nach ein paar Tagen endlich wieder besser geht, besichtigen wir den ‚Kachikally Crocodile Pool‘ in Bakau – das ‚heilige Krokodilbecken von Kachikally’, welches eine Kultstätte sein soll. Das Krokodil dient in Gambia nämlich als heiliges Tier und Fruchtbarkeitssymbol. So würden die Westafrikaner zum Beispiel bei Vollmond nicht den ‚Mann im Mond’ sehen, sondern ein Krokodil. In Dalasi-Banknoten ist das Krokodil auch als Wasserzeichen eingearbeitet. Das ‚heilige Krokodilbecken‘ wird wohl privat von der Familie Bojang betrieben und durch einen Bach gespeist, der nach anderthalb Kilometer in den Mangrovenwald des Cape Creek mündet. Die Krokodile, die dort leben (ca. 70 Stück) werden gefüttert und ernähren sich ansonsten von Fröschen und kleinen Tieren. Sie wirken auf jeden Fall gut gesättigt – als wir ankommen chillen alle entspannt im Schatten. Man darf die Krokodile unter Beaufsichtigung eines ‚Guides’ auch streicheln, das fühlt sich toll an! Wann hat man im Leben schon die Gelegenheit, mit einem Krokodil auf Tuchfühlung zu gehen? Es ist schon ein besonderes Gefühl, einem so großen Reptil, mit dem man ja sonst nicht in Berührung kommt, so nahe zu kommen – und es ist außergewöhnlich, so viele Krokodile von Nahem bewundern zu können. Die dürfen sich hier übrigens frei vermehren, wie wir erfahren. Vielleicht bringt es uns ja Glück, ein Krokodil anzufassen? Die Menschen hier glauben zumindest, dass sie durch ‚heilige Waschungen‘ im Krokodilbecken einen etwaigen Fluch, der ihnen möglicherweise auferlegt wurde, heilen können. Vielleicht hilft es auch gegen die Pechsträhne?

Unterwegs versuchen wir auch endlich, das Projekt ‚Basteln eines neuen Dachfensters’ voranzubringen. Seit einer Woche fahren wir ja mit offener Dachluke (‚Cabrio Morla’) durch die Gegend. Klingt irgendwie verrückt – aber da es ja in Afrika so gut wie nie regnet und wir zumeist unsere Jalousie oben zugezogen hatten, haben wir es mit der Zeit fast vergessen, dass da oben etwas fehlt. Einen Holzrahmen hat Toni schon bei einem Tischler aus Banjul bauen lassen, als er Benj zum Fughafen gebracht hat. Der neue Holzkasten ist sogar aus Mahagoni – ob er dadurch auch der Regenzeit trotzen wird? Jetzt fehlt noch das Plexiglas. Wir klappern also sämtliche ‚Einbaufachgeschäfte’ ab, um die einzelnen ‚Abzockpreise’ zu vergleichen. Als wir jemanden finden, der bereit ist, uns für 6 Euro ein Plexiglas zurecht zu schneiden, schlagen wir zu. Wir müssen aber noch ein paar Tage warten, bis das Fensterteil zur Abholung bereit steht … und wo kann man am schönsten und günstigsten seine Zeit vertreiben? Natürlich auf unserem Stellplatz in Kartong – also kehren wir dorthin zurück. Bei den umliegenden Strandbarbesitzern sind wir inzwischen fast schon bekannt wie bunte Hunde. Selbst die ‚Schlepper‘, die sonst immer wieder versucht haben, Geld aus uns herauszupressen, wenn wir z.B. am Strand spazieren gingen, wissen inzwischen schon, wer wir sind und dass es  bei uns nichts zu holen gibt … wir fühlen uns schon fast wie zu Hause. Mägdi kann am Strand prima joggen, die Temperaturen sind sehr angenehm (25 bis 29 Grad Celsius), der Strand und das Meer sind immernoch wunderschön – wir fühlen uns pudelwohl.

Die Pechsträhne schlägt aber trotzdem immer wieder zu: Gerade als wir uns darüber gefreut haben, dass der Internetempfang hier in Kartong so gut ist und wir prima recherchieren und den Blog weiter schreiben können, gibt eines Tages unser Router einfach so seinen Geist auf. Dieses überteuerte Mistding, für das wir uns damals nach stundenlangen Recherchen von ‚Stiftung Warentest’- Vergleichen u.s.w. entschieden hatten, lässt uns einfach so im Stich- pah! Wir haben erst einmal keine Ahnung, ob es etwas Ähnliches hier in Gambia zu kaufen gibt? Als das Fensterstück dann endlich fertig ist, machen wir uns auf den Weg nach Banjul. Wir müssen dort Mägdis Gambia Visum verlängern, wollen außerdem Vollkornmehl suchen, um selbst Brot backen zu können (nachdem die Maus ja einen Großteil unseres Pumpernikelbrotes vernichtet hat, siehe unser letzter Bericht). Mägdi will sich außerdem endlich das Kleid nähen lassen, für welches sie in Georgetown Stoff gekauft hat. Und: ‚Neuen Router suchen’ steht ebenfalls auf der ‚To Do Liste‘. Wir wollen wieder einmal auf einem Campingplatz übernachten und wählen den ‚Camping Sukuta & Lodge’ aus, der von einem deutschen Päärchen (Joe und Claudia aus der Pfalz) geführt werden soll. Dort angekommen können wir unseren Augen kaum trauen: Ein hübsch zurecht gemachter und gepflegter Platz mit richtigen Spülen, einer richtigen Dusche und sogar einer Waschmaschine – so etwas haben wir schon lange nicht mehr gesehen. Wir fühlen uns wohl und bleiben ein paar Tage dort – Toni kann auch in Ruhe unser neues Dachfenster einbauen, so dass die Morli nun endlich wieder ‚voll in Schuß’ ist. Einen neuen Router finden wir in Banjul tatsächlich noch – die Qualität ist zwar nicht so berauschend, aber er funktioniert einigermaßen.

Toll ist auch der Besuch des ‚Bijilo Forest Park‘ in Serekunda, ein ca. 51 Hektar großes Waldgebiet, welches als Naturschutzgebiet dient und in dem wir zutrauliche Geier, viele exotische Vögel und außerdem noch zuckersüße bis freche Äffchen (westliche Grünmeerkatzen) sehen. Letztere sind so sehr auf die von uns mitgebrachten Erdnüsse fixiert, dass sie uns regelrecht ‚aufs Dach steigen‘.

Wir lernen auf unserem Campingplatz außerdem Dana und Frank kennen, ein sehr sympathisches Päärchen aus Fürth, die mit einem uraltem ‚Hanomag’ unterwegs sind. Es ist so nett mit den beiden, dass wir beschließen, ein Weilchen zusammen weiter zu reisen. Die Anfertigung von Mägdis Kleid ist übrigens ein kleines Erlebnis für sich. Auf Empfehlung einer Mitarbeiterin des Campingplatzes gehen wir in die angeblich ‚beste Schneiderei von Banjul‘, welche in der Gegend einigermaßen bekannt sein soll. Drei sehr fleißige männliche Schneider sind von früh bis spät dort mit uralten Nähmaschinen (die es bei uns in Deutschland wahrscheinlich nur noch im Heimatmuseum zu sehen gäbe) beschäftigt. Die Maße werden genommen, das Design kurz besprochen – und das Ergebnis lässt sich sehen: Für nur ca. sieben Euro hat der Schneider ein perfekt sitzendes afrikanisches Kleid (‚Thaybass’) gezaubert.

Bevor wir mit Dana und Frank weiter reisen Richtung Süden, wollen wir ihnen nochmals unseren Traumstrand in Kartong zeigen. Dort verbringen wir dann nochmals ein paar Tage. Es ist schön und wir fühlen uns wohl mit den beiden. Wie immer verbringen wir die Tage an dem tollen Strand oder bei Lamin in der Strandbar. Da wir in Banjul tatsächlich Vollkornmehl gefunden hatten (was eigentlich an ein Wunder grenzt), kann Toni mit unserem tollen Gasgrill am Strand sogar noch Vollkornbrot backen, was wirklich super schmeckt – ein höchst würdiger Ersatz für Mägdis Pumpernikel. Nach so vielen schönen Tagen an unserem ‚Robinson Crusoe Strand’ verlassen wir am 8. März 2019 das Land und fahren weiter nach Süd-Senegal. Bye Bye Gambia, es war wirklich schön!

   Send article as PDF   

Schreibe einen Kommentar