Gambia Teil 5

Georgetown, Pechsträhnen, Schlepper und Hippos

Seit Anfang/ Mitte Februar werden wir von einer Pechsträhne verfolgt. Da wäre einmal der verpatzte Haarschnitt von Mägdi (siehe unser letzter Bericht). Dann erhalten wir eine unangenehme Nachricht, was unsere Wohnung bzw. Untervermietung betrifft, worauf wir an der Stelle nicht näher eingehen wollen. Nur so viel sei gesagt: Es zieht uns herunter und bereitet uns schlaflose Nächte. Dann entdeckt Toni kurz nach unserem Trip nach ‚Paradise Island’, dass eine Maus in unseren Bus eingezogen ist. Und diese Maus hat sämtliche Pumpernickel-Packungen angenagt, welche daraufhin Feuchtigkeit eingefangen haben und verschimmelt sind. Mägdi ist extrem sauer, da es hier in Afrika nirgends Pumpernikel Brot zu kaufen gibt und wir aus diesem Grund extra Vorräte eingekauft hatten, die so lange halten sollten, bis wir von unserer Afrikareise zurück sind – das kann man jetzt vergessen. Es folgen noch viele weitere ‚Pech-Attacken‘, auf die wir später noch eingehen werden.

Die Maus…

Mit etwas gedrückter und besorgter Stimmung machen wir uns am 15.2.19 mit Benj und Gregor auf den Weg Richtung Georgetown am Südufer des Gambia River. Wir fahren durch eine recht ausgetrocknete Steppenlandschaft, in der sich unendlich viele, riesige Termitenhügel befinden. Unsere erste Etappe auf dem Weg dorthin wäre ‚James Island’ gewesen: Die kleine Insel soll den westafrikanischen Sklavenhandel dokumentieren und seit 2003 zum UNESCO- Weltkulturerbe zählen; besonders die Festung ‚Fort James’ dort sei sehenswert, sagte man uns. Doch als wir am Ausgangsort angekommen sind, von dem aus man ein Boot dorthin hätte nehmen können, merken wir gleich schon, dass wir in der nächsten ’Abzock-Hölle’ gelandet sind. Da wir nach über drei Monaten Reisen in Afrika die Nase voll davon haben, entscheiden wir einstimmig, auf die Inselbesichtigung verzichten zu wollen. Als wir uns Richtung Morla bewegen wollen, um abzufahren, versucht der sog. ‚Guide‘ uns zu überreden, doch noch zu bleiben, über den Preis könne man noch diskutieren. Gesagt, getan. Als wir nach ebensolcher ‚Diskussion‘ uns auf einen Preis geeinigt haben, machen wir uns auf den Weg zum Schalter, um Tickets für den soeben besprochenen Preis zu kaufen. Dort erfahren wir dann aber, dass noch diese Gebühr und jene Steuer hinzu kommt, so dass wir am Ende doch bei dem ursprünglichen ‚Abzocke-Preis’ landen. Also verarschen können wir uns selber! Wütend marschieren wir erneut zur Morla und wollen nun endlich weiter – es ist übrigens bullenheiß, ca. 42 Grad und unsere Nervenkostüme sind aufgrund der Hitze ohnehin schon überstrapaziert. Als Toni den Motor dann starten will, hält oben erwähnter ‚Guide‘ uns zurück und behauptet, wir hätten nun eine Gebühr zu bezahlen, dafür dass wir hierher zum Ausgangspunkt gekommen sind. Geht‘s noch? Als wir versuchen ihm verständlich zu machen, dass wir auf so einen Blödsinn nicht hereinfallen, droht der ‚Guide‘ mit Polizei und wird tatsächlich noch handgreiflich gegenüber Toni. Etwas fassungslos fahren wir weiter und zerbrechen uns während der Fahrt die Köpfe über die Ursache der afrikanischen ‚Touristenfreundlichkeit‘ …

Wir fahren weiter an der ‚Northbank’ entlang über Farafenni, einem Ort am Trans-Gambian-Highway. Dort wohnt Verwandtschaft von Yaya und wir bekommen einen kostenlosen Übernachtungsstellplatz zur Verfügung gestellt. Es ist immer noch extrem heiß – über 40 Grad am Tage und auch nachts will es einfach nicht abkühlen. Nachdem wir unseren neuen Stellplatz inspiziert sowie Benjs und Gregors Zelte aufgebaut haben, wollen wir etwas essen und trinken gehen. Wir streunern durch die Straßen, passieren unendlich viele Bretterbuden, in denen von Zigaretten über gefälschte Rolex-Uhren bis hin zu Adidas-Imitaten alles Mögliche verkauft wird. Doch eine nette Bar bzw. ein nettes Restaurant, wo man gemütlich sitzen kann, suchen wir vergebens. Der einzige Ort, an dem man gewillt ist, uns Bier zu verkaufen ist ein Hotel, in dessen angegliedetem Innenhofrestaurant wir dann einkehren (‚Eddies Hotel Farafenni’). Wir sind und bleiben dort die einzigen Gäste und verbringen einen sehr netten und lustigen Abend.

Am nächsten Tag geht es weiter Richtung Steinkreise von Wassu. Dort sollen sich prähistorische Steinkreise aus rotem Lateritgestein befinden. Die Größe der Steine soll zwischen 100 und 250 cm Höhe variieren. Die Fahrt dorthin ist ziemlich anstrengend; es ist immer noch viel zu heiß; außerdem müssen wir an den sog. ‚Checkpoints‘ immer wieder anhalten, um unsere Papiere vorzuzeigen und uns auf einen ‚freundlichen Smalltalk‘ mit den Polizisten einzulassen. Bei den Steinkreisen angekommen sind wir schon recht fasziniert. Die einzelnen Steine müssen tonnenschwer sein. Auf welche Weise die Steine hier her gekommen sind und welchem Zweck sie gedient haben, ist den Wissenschaftlern wohl immer noch ein Rätsel. Man nimmt aber an, dass es sich um Grabanlagen handelt. Mit der Ausrichtung der Steine hat es offenbar eine astronomische Bewandtnis. Bei der Besichtigung dieser schönen Megalithdenkmäler haben wir, auch was die Eintrittspreise betrifft, diesmal wirklich nichts zu meckern.

Da Georgetown mitten auf der im Gambia River gelegenen McCathy Island liegt, müssen wir erst einmal mit einer kleinen Fähre übersetzen. In Georgetown (in der Sprache der Einheimischen Jangjang Bureh genannt) angekommen werden wir erst einmal von einem ‚Tourie-Schlepper‘ angeprochen, ob wir einen Campingplatz suchen würden. Ja, suchen wir. Das freut den ‚Tourie-Schlepper’ sehr – in seinen Augen sieht man regelrecht die Dollarscheine aufblinken und er weicht uns fortan nicht mehr von der Seite. Er will uns diverse ‚Stellplätze’ zeigen und fährt zu diesem Zweck mit dem Moped voraus. Bei der Besichtigung des dritten Stellplatzes ist der Schlepper so eifrig damit beschäftigt, ein gutes Geschäft zu machen, dass er prompt vergisst, uns vor einem auf etwa 3 Meter Höhe angebrachten Elektrokabel zu warnen – und wir sind so übermüdet von der Hitze, dass wir das Seil nicht bewusst wahrnehmen. Wir hören nur ein lautes ‚Rrrrratttsch‘ und wissen: Es ist irgend etwas passiert. Als wir besorgt aus dem Bus springen, liegt uns das Elend zu Füßen: Unser zertrümmertes Dachfenster! Die Pechsträhne hat also schon wieder zugeschlagen. Wir sind richtig sauer und frustriert: Jetzt kann es theoretisch literweise in die Morla hinein regnen – zugegebener Maßen hat es, seit wir in Afrika sind, noch nie geregnet … aber es könnte ja! Oder jemand könnte einfach so von oben durch die nun offene Luke in die Morla einsteigen und sie leer räumen. Der Staub und die Blätter können jetzt mühelos in den Bus hineinrieseln – als ob die Morla nicht schon verstaubt genug wäre. Ein Ersatzfenster zu finden ist sogar in Deutschland so gut wie unmöglich, da für alte Autos wie die Morla (Baujahr 1979) so gut wie keine Ersatzteile hergestellt werden. Für unser Seitenfenster hatten wir z.B. vor unserer Reise monatelang ein Ersatzteil gesucht, vergeblich. Da stehen wir also nun, mitten in Georgetown, wie die Trottel und glotzen blöd aus dem Loch im Dach heraus, die Trümmer des Dachfensters im Gepäck. ‚Kommt Zeit, kommt Rat‘ versuchen wir uns zu trösten und sehen uns auf unserem neuen Stellplatz erst einmal um.

Zu einem richtigen Campingplatz hat uns der Schlepper jedenfalls nicht gebracht, denn so etwas gibt es hier nicht. Wir sind eher auf einem undefinierbaren Grundstück gelandet, auf dem sich ruinenartige Bungalows befinden, in denen es sich zum Teil die Ziegen gemütlich gemacht haben. In einem nur halb verfallenen Bungalow können wir die ‚sanitären Anlagen’ benutzen. Vorausgesetzt, es gäbe fließendes Wasser. Gibt es aber leider selten bis nie. Dafür haben wir einen schönen Blick auf den Fluss und sind mehr oder weniger für uns … wenn man von den ‚Wasch-Frauen’ absieht, die jeden Tag vorbei kommen, um tonnenweise Wäscheberge im Fluss zu waschen – und der Teenager-Gang, die sie täglich im Schlepptau haben, und die alle 10 Minuten wissen wollen: ‚How are you?‘ Wir machen uns erst einmal ein paar Biere auf, um den ganzen Frust herunterzuspülen – Prost allerseits! Nach Sonnenuntergang machen wir einen Spaziergang durchs Dorf. Viel gibt es hier wirklich nicht. Ab und an werden wir von weiteren ‚Tourie-Schleppern’ angequatscht und in eine ‚Bar’ mit Live-Trommelkonzert ‚eingeladen’. Wir leiden aber unter akuter ‚Abzocke-Allergie’ und sehen vor unserem bildlichen Auge schon den Hut, der in Kürze herum gehen wird und in den wir gefälligst unsere Kohle hinein platzieren sollen – nein Danke. Da sitzen wir dann doch lieber vor unserer neuen ‚Cabrio-Morla’ und lassen den Tag gemütlich bei netten Gesprächen unter dem Sternenhimmel ausklingen – welchen man nun übrigens auch aus der Morla heraus, im Bett liegend, sehen kann. Dabei bekommen wir die Idee, dass wir uns ja eigentlich selbst ein Dachfenster zusammenbauen könnten. Beziehungsweise die drei Jungs, denn Mägdi hat vom Bauen keine Ahnung. Am nächsten Tag werden erst einmal die Maße genommen und ein grober Bauplan für das Fenster entworfen. Die benötigten Materialien müssen wir jedoch später in einer größeren Stadt besorgen.

Nach dem Frühstück (es gibt, wie fast immer auf unserer Reise Brot mit Rührei und Kaffee mit Milch) wollen wir nach einer Möglichkeit Ausschau halten, eine Flußfahrt zu unternehmen, um ein paar Hippos zu sehen. Gregor stimmt hierzu das selbst komponierte Lied ‚I wanna see the hippos and i wanna get stoned’ (in Anlehnung an ‚I wanna be a Hippie’ von ‚Technohead’, 1995) an – wer weiß, vielleicht lassen sich damit ein paar Flußpferde anlocken? Wir müssen nicht allzu lange warten. Der nächste ‚Tourie-Fänger’ ist sofort zur Stelle und bietet uns eine Fahrt mit seiner Piroge an. Er könne uns aber nicht versprechen, dass wir Hippos sehen werden, denn es sei eigentlich ‚not the time for hippos’. Nach kurzer Diskussion mit Abstimmung nach Gruppenkonsens entscheiden wir uns dann, die Fahrt zu machen – zum Glück! Die Fahrt mit der Piroge ist sehr angenehm – wir sehen viele Vögel, deren Namen uns der Kapitän leider nicht verraten kann. Wir sehen außerdem noch Warane, eine große Schlange und dann … (Trommelwirbel): Tatsächlich Flusspferde! Erst sehen wir aus der Ferne kleine Erhebungen über dem Wasser … dann, als wir näher heran kommen, können wir die Umrisse der Köpfe erkennen … und schließlich gähnt uns ein Hippo mit weit aufgerissenem Maul direkt ins Gesicht. Wir halten die Piroge eine zeitlang an und beobachten die amphibisch lebenden Flusspferde ganz still und leise. Wahnsinn, wir haben zum ersten Mal in unserem Leben Flusspferde gesehen! Und zwar nicht in stinkenden Tümpeln, auf 10 qm eingepfercht im Zoo, sondern in ihrem natürlichen Lebensraum. Als wir versuchen, noch näher heran zu kommen, um noch bessere Fotos von ihnen machen zu können, schwimmt ein Hippo direkt auf uns zu. Wir wissen nicht genau, ob es uns nur ‚Guten Tag’ sagen will oder ob es sich bedroht fühlt und vor hat, unsere Piroge mit seinem stattlichen Körpergewicht von etwa 4 Tonnen dezent umzustoßen. Wir wollen es lieber nicht herausfinden sondern lassen den Kapitän ein schnelles Wendemanöver ausführen und machen uns so langsam auf den Rückweg. Glücklich und zufrieden und mit den Gedanken noch bei den Hippos kommen wir abends in Georgetown an.

Wir fragen uns: Ist die Pechsträhne etwa schon vorbei? Immerhin haben wir Hippos gesehen, obwohl eigentlich ‚nicht die Zeit für Hippos’ sei, laut Guide. Mägdi nutzt die Gunst der Stunde noch, um sich an einem Marktstand Stoffe zu kaufen, da sie sich ein afrikanisches Kleid (Thaybass) nähen lassen will. Am frühen Abend sehen wir uns noch das direkt an der Fähre zum Nordufer liegende Sklavenhaus in Georgetown an. Es ist wohl touristisch die einzige Attraktion der Stadt und wird von den Einheimischen als das eigentliche Erbe der Kolonialzeit betrachtet. Auch hierbei gibt es natürlich wieder einen ‚Guide’, ohne den wir gar nicht erst hinein gekommen wären. Er erzählt uns in schlechtem Englisch etwas über die Geschichte des Sklavenhauses. Was wir verstehen ist, dass die zu verkaufenden Sklaven unter furchtbaren Bedingungen hier eingesperrt waren. Trotz der erschütternden Bildern, die die Besichtigung in uns hervorruft, gehen wir zur abschließenden Krönung des Tages abends schön essen. Es gibt das traditionelle ‚Fisch Yassa‘ Gericht und schmeckt toll. Insgesamt können wir schon sagen, dass es sich gelohnt hat, hier her zu kommen.

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